Frisches Blut

Doris Gerckes Geschichten sind ein bisschen gemein, wie der Klappentext sagt. Vor allem erzählen sie nicht aus der Sicht des Guten der den (bösen) Verbrecher fängt. Oft nimmt Doris Gercke die Position des Täters ein. Im Falle des Richters, der seine Ehefrau einzig und allein deshalb umbringt weil sie ihn nervt, läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. In den meisten Fällen jedoch überwiegt das Verständnis für die Täter, oder das Mitleid, wie im Falle des Abenteurerpärchens das in seinem Winterquartier von der Polizei gestellt wird. Die Geschichten erzählen gänzlich unspektakulär vom Bösen oder von den guten Absichten in der vordergründig bösen Tat.

 

 

 

Gercke, Doris, Frisches Blut, Argument Verlag 2019, 15,- Euro

Mutter zieht aus

Mit diesem Buch hat Karen-Susan Fessel ihrer Mutter die schönste Liebeserklärung gemacht, die man sich vorstellen kann. Der Titel „Mutter zieht aus“ klingt, sicher nicht zufällig, eher nach dem Aufbruch eines jungen Mädchens als nach der letzten Station eines alten Menschen. Die alte Frau lässt nach dem traumatischen Erlebnis des Oberschenkelhalsbruchs keine Trauer aufkommen. Sie lässt leicht ihr altes Haus los und freut sich auf den Neuanfang in der Seniorenwohnung. Als Leserin denkt man eher an die Geschichte einer Emanzipation, als an den Niedergang eines Menschen. Und so ganz nebenbei hat Karen- Susan Fessel auch ein historisches Dokument zum Thema Flucht und Vertreibung geschaffen, als sie die Geschichte ihrer Mutter dokumentiert. Ein rundum gelungenes Buch, das mich begeistert hat...

 

 

Fessel, Karen-Susan, Mutter zieht aus, Konkursbuchverlag 2018, 14,90 Euro

Alle Farben der Nacht

Dieser Roman ist zutiefst verstörend. Die Geschichte Emilias beginnt mit einer Vergewaltigung und endet in der Psychiatrie. Dazwischen liegt eine Odyssee geprägt von Drogengebrauch, Alkohol , Sex und Gewalt. Die Leserin ahnt, dass die Geschichte schon früher beginnt. Und zwar mit dem Tod der Mutter, der das halbwüchsige Mädchen allein zurücklässt. Viel Raum für eigene Interpretationen lässt diese Geschichte. Sie ist faszinierend und abstoßend zugleich und zeichnet ein düsteres, trauriges Weltbild.

 

 

Zauels, Jonas, Alle Farben der Nacht, Ulrike Helmer Verlag 2017, 12,95 Euro

Mein lesbisches Auge 17

Jedes Jahr erscheint diese Sammlung erotischer Bilder und Geschichten zum lesbischen Leben. Da lernt eine ältere Frau die lesbische Liebe durch käuflichen Sex kennen und ist begeistert. Eine andere hat ein erotisches Erlebnis mit einem Riesenweib, mit Massen Fleisch. Eine Dritte sehnt sich beim Sex nach ihrer Ex, obwohl sie sie selbst verlassen hat. Und nicht zuletzt erzählt einen Transfrau aus ihrem Leben. Diese Geschichten bieten einen unglaublichen Reichtum an erotischen Phantasien und Bildern.

 

 

Mein lesbisches Auge 17, Konkursbuch Verlag 2017, 16,80 Euro

Wegbereiterinnen 2020

Ich freue mich, dass ich wieder den Kalender „Wegbereiterinnen“ für Euch besprechen kann. Er ist mit neuen Porträts bekannter Frauen immer wieder interessant.Im Januar wird Marianne Brandt, frauenbewegte Metalldesignerin im Weimarer Bauhaus, vorgestellt. Sie wird 1925 stellvertretende Leiterin der Metallwerkstatt. Das war auch für das Bauhaus ungewöhnlich. Auch dort arbeiteten Frauen bis dahin meist in der Weberei. Sie fiel auch durch feministische Artikel auf. Der Nationalsozialismus beendete ihre Karriere. Erst mit der Bauhaus Ausstellung 1977in Leipzig gewann sie wieder an Ansehen.Im Mai wird Mathilde Jacob porträtiert. Sie war die Assistentin Rosa Luxemburgs. Auch nach ihrem Tod engagierte sie sich für die KPD. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und starb am 14. 04. 1943. Im Oktober wird Agnes Smedley (1892-1950) porträtiert. Die Frauenrechtlerin beschreibt ihre Kindheit in bitterer Armut im „wilden Westen“ in dem Titel „Daughter of earth“.1920 reiste siie nach Europa.Mit Käthe Kollwitz setzte sie sich für eine Klinik zur Geburtenkontrolle ein. Nach schweren Krisen reiste sie 1928 nach China. Dreizehn Jahre lang schrieb sie Reportagen über Chinas Frauen. Sie starb 1950 in London. So ist jeder Monat dieses Kalenders ein Erlebnis. Die meisten der porträtierten Frauen werden in der etablierten Geschichtsschreibung nicht erwähnt. So ist der Kalender ein wichtiges Instrument der Neuen Frauenbewegung.

 

Wegbereiterinnen 2020, AG Spak 2020, 14,50 Euro