Schleierwolken

Dieser Roman beginnt absolut unspektakulär und es scheint nicht allzu viel dramatisches zu passieren. Dennoch gelingt es Regina Nössler einen hohen Spannungsbogen aufzubauen, einfach nur dadurch, dass ihre Protagonistin, Elisabeth, sich diffus verfolgt fühlt, ohne das genauer erklären zu können. Erst am Ende des Buches wird deutlich wer der Verfolger ist und das Buch nimmt eine hochdramatische, bedrohliche Wendung. Und dann holt Elisabeth ihre Vergangenheit ein, denn auch sie hat so ihre Leichen im Keller....

Ein Buch, das fasziniert.

 

 

Nössler, Regina, Schleierwolken, Konkursbuch Verlag 2017, 12,-Euro

Voll fiese Flora

Die versierte Krimiautorin Monika Geier zeigt sich hier von einer ganz neuen Seite. Die liebevoll illustrierten Schilderungen einheimischer Giftpflanzen berücksichtigen immer auch einen sozialen und politischen Kontext. So wird bei der Beschreibung des Maiglöckchens der Widerspruch betont, dass es sich um eine absolut tödliche Pflanze handelt die dennoch für Sträusse zur Kommunion und für Brautsträusse genutzt wird. Der Rhododendron produziert einen berauschenden Honig, der schon in der griechischen Mythologie erwähnt wird. Und das Mutterkorn wird in seiner ganzen Bösartigkeit beschrieben, hat es doch früher ganze Landstriche entvölkert. Und doch lässt sich in den witzigen, oft ironischen, Beschreibungen die Krimiautorin erahnen, und ich muss beim Lesen an die Heldin der Krimis denken die den Pfälzer Wald sicherer macht...

 

 

Geier, Monika, Voll fiese Flora, Argumentverlag 2021, 15 Euro

Alodia, du bist jetzt Alice!

Alodia Witaszek ist fünf Jahre alt, als ihr Vater von den Nationalsozialisten hingerichtet wird, ihre Mutter wird nach Auschwitz verschleppt. Alodia gilt als „rassenützlich“ und kommt in ein Lebensbornheim. Von dort wird sie deutschen Eltern zur Adoption übergeben. Die deutschen Eltern haben keine Ahnung von der Herkunft des Kindes, Alodias Abstammung wird verschleiert. Sie heisst jetzt Alice, lernt Deutsch und vergisst ihre Muttersprache polnisch. So wie ihr geht es auch ihrer Schwester und vielen Kindern aus den sogenannten Ostgebieten. Kinderraub ist nicht nur bei den Nationalsozialisten ein weitverbreitetes Verbrechen. Im östereichischen Kaiserreich werden Romakinder zur Adoption freigegeben, in der DDR sind es die Kinder der Zeugen Jehovas, in Argentinien die Kinder politischer Gegner. In allen Diktaturen und in kriegerischen Auseinandersetzungen kommt Kinderraub vor. In vielen Fällen aus dem Nationalsozialismus konnten die Herkunftsfamilien der geraubten Kinder nicht ermittelt werden. Die Täter wurden kaum nennenswert bestraft und Entschädigungen für die Opfer flossen nicht. Alodia hat Glück. Zwei Jahre nach Kriegsende werden sie und ihre Schwester gefunden und können nach Polen zurückkehren. Alodias Adoptiveltern halten den Kontakt und eine lebenslange Freundschaft, auch zwischen den Müttern, entsteht. Dagegen leidet Alodias Schwester sehr darunter, dass ihre Adoptiveltern sich nie mehr melden. In diesem wichtigen Buch wird ein verdrängtes Kapitel deutscher Geschichte aufgearbeitet.

 

 

 

Engelmann, Reiner, Alodia, du bist jetzt Alice!, cbt -Verlag 2019, 9,00 Euro

Joan Baez

Die Biografie von Joan Baez hat den Untertitel „Porträt einer Unbeugsamen“. Dies, oder kompromisslos im besten Sinne gemeint, charakterisiert Joan Baez. Sie ist ihr Leben lang eine unbeugsame Aktivistin für Frieden und Freiheit. Das unsichere Mädchen, das sich oft übergeben muss, wenn ein Auftritt bevorsteht, ist nichtsdestotrotz schon eine überzeugte Pazifistin. Joan Baez begibt sich in ihrem Leben mehrfach in Kriegs,- und Krisengebiete um dort zu singen und der Bevölkerung Mut zu machen. Parteipolitik jedoch lehnt sie ab, mit Barack Obama unterstützt sie zum erstenmal einen Parteipolitiker. Mit 22 lebt sie eine Frauenbeziehung, ihr Leben lang wird sie der Homosexualität gegenüber offen sein. Nach dem Besuch einer Schwulenbar schreibt sie ein Liebeslied über ein homosexuelles Paar, das sie in der Bar beobachtet hat. An ihrer Freundschaft zu Bob Dylan hält sie fest, auch als der Künstler sich zeitweise von ihr abwendet. In späten Jahren wird sie noch einmal politisch aktiv um gegen Donald Trump mobil zu machen. Es gibt viele Stimmen, die fordern ihr den Friedensnobelpreis zu verleihen. Eine Ehrung die realistischer erscheint seit Bob Dylan den Literaturnobelpreis erhalten hat.......

 

 

 

Rosteck, Jens, Joan Baez, Osburg Verlag 2017, 24,- Euro

 

 

 

Wegbereiterinnen 2021

Nein die „Kalenderfrauen“ gehen uns nicht aus. Mit diesem Satz beginnt die Vorstellung des Kalenders 2021. Und wieder begeistert der Kalender mit zwölf grossartigen Frauen, die in der patriachalen Geschichtsschreibung viel zu wenig gewürdigt werden.Da ist die Zimmerin Juliette Caron, die uns unbekannt wäre, hätte sie sich nicht selbst mit einer Postkartenserie in Szene gesetzt. Zu ihrer Zeit war sie die einzige Frau im Zimmererhandwerk. Mit Minna Flake wird eine sozialistische Ärztin gewürdigt. 19 34 floh sie vor den Nazis nach Frankreich und war dort halblegal als Ärztin tätig. !941 konnte sie in die USA emigrieren. Auch dort arbeitete sie als Ärztin und starb 1958. Netty Honeyball, geboren 1871, ist als Fussballerin wohl einzigartig in ihrer Zeit. Am 23. März 1895 wurde das Gründungsspiel des British Ladies Footballvor 10.000 Zuschauern ausgetragen. Viele Spiele folgten. Erst 1921 wurde der Frauenfussball als zu rau verboten. Das blieb so bis 1970. Ich hoffe, ich habe die Neugier auf diesen einzigartigen Kalender geweckt, der mich, und hoffentlich bald auch euch, schon viele Jahre durch das Jahr begleitet.

 

 

Wegbereiterinnen, AG Spak 2021, 14,50 Euro